Triathlon

SV Hellas 1923 (1910) e. V. Siegburg

Challenge Roth – „Der Schmerz geht, der Stolz bleibt“

Montag 25. Juli 2016 von norbert

Von einem außergewöhnlichen Triathlon

Der weltweit größte Wettkampf auf der Triathlon-Langdistanz (3,8-180-42,2km) findet im mittelfränkischen Roth südlich von Nürnberg statt. Mit 3405 Einzelstartern und 672 Staffeln ist er jedes Jahr in kürzester Zeit ausgebucht und ich war nur über ein kleines Extrakontingent im Rahmen der Nikolaus Charity Aktion mit viel Glück an einen Startplatz gekommen. Nun würde ich mich selbst davon überzeugen, ob die Roth-Schwärmer nicht in ihren Schilderungen von der laut Veranstalter größten Triathlonveranstaltung der Welt übertreiben. Ein besonderes Schmankerl dieses Jahr war noch, dass Jan Frodeno hier einen Angriff auf die Weltbestzeit über die Langdistanz angekündigt hatte.

Da alle Weltbestzeiten über die Langdistanz bisher in Roth aufgestellt wurden, ging ich von besonders einfachen Strecken aus. Geschwommen wird im Kanal, wo zumindest die Orientierung sehr leicht fällt. Gelaufen wird ebenfalls viel am Kanal, also flach, und an drei Stellen führt die Laufstrecke für einige Kilometer mit leichten Anstiegen durch Brücken vom Kanal weg. Eine Überraschung stellte die Radstrecke für mich dar, denn diese ist vom Profil wellig bis hügelig und es gibt etliche kurvige Passagen und Ortsdurchfahrten. Es sind zwei Runden zu 90km zu fahren, die Höhenmeter summieren sich auf insgesamt 1200-1300.

Meine Vorbereitung war planmäßig gelaufen, so dass ich mit einem guten Gefühl einige Urlaubstage vor dem Wettkampf in der Region verbrachte. Am Donnerstag registrierte ich mich und Silvia und ich besuchten die Triathlonmesse auf dem Festplatz in Roth. Dort befindet sich auch der Triathlon-Park, das kleine Stadion, in das die Finisher am Ende einlaufen und das einige sicher aus dem Fernsehen oder von Fotos kennen.

Nach dem Packen der Beutel und den letzten Vorbereitungen am Samstag konnte ich das Rad in Wechselzone 1 einchecken, die sich am Schwimmstart am Kanal bei Hilpoltstein befindet. Mit dem Rad fährt man nach dem Schwimmen direkt zu Wechselzone 2, die nahe am Ziel am Ortsrand von Roth liegt. Nachmittags war ich noch auf der Wettkampfbesprechung und sehr beeindruckt von den Zahlen: Über 6.000 Helfer und 260.000 Zuschauer sollten für einen reibungslosen Ablauf und eine tolle Kulisse sorgen. Nun konnte der Wettkampf am Sonntag beginnen.

Dieser Triathlon ist nichts für Langschläfer, denn die Profis starten bereits um 6:30 Uhr, danach finden alle 5 min Wellenstarts mit je 200 Teilnehmern statt. Ich bin in Startblock 12 eingeteilt mit Startzeit um 7:25 Uhr. Nach einem etwas unruhigen und zu kurzen Schlaf bis 4:00 Uhr bin ich planmäßig um 5:30 Uhr in der Wechselzone.

Um 6:30 Uhr ertönt der erste Böllerschuss und Jan Frodeno, Daniela Ryf und ihre Verfolger machen sich auf Rekordjagd. Als ich gegen 7:20 Uhr ins Wasser gelassen werde, sind die beiden Favoriten schon wieder heraus. Pünktlich ertönt der Böllerschuss für meine Gruppe und ich mache mich mit leichten Selbstzweifeln auf die 3,8km. So weit bin ich erst einmal geschwommen und auf Mallorca gab es einen kurzen Landgang nach 2km. Das Wasser ist mit 19,4°C recht frisch aber mit Neo erträglich. Wenn ich mich anstrenge, wird mir schon nicht kalt werden, es gilt ruhig los zu schwimmen und das richtige Tempo zu finden, um nach dem Schwimmen nicht allzu kaputt zu sein. Nach 1440m ist die erste Wende erreicht und alles läuft gut. Auf den 1970m in Gegenrichtung merke ich, wie ab und zu Pulks schnellerer Schwimmer aus den Startgruppen hinter mir vorbeiziehen. Es gibt kein Gedränge, alle nehmen Rücksicht. Nun kommt die Brücke an der WZ in Sicht, wir schwimmen an der WZ vorbei bis zur zweiten Wende. Von dort nochmal 390m zurück und endlich darf ich aus dem Wasser. Wir laufen an den Radbeuteln vorbei, nehmen sie auf, und ins Wechselzelt. Dort erwartet mich schon eine freundliche Helferin, die mir den Neo einpackt und beim Anziehen der Radsachen hilft – das ist ja ein toller Service hier, denke ich.

Um 9:00 Uhr gehe ich auf die Radstrecke. Silvia winkt mir hinter der Ausfahrt von der Wechselzone zu und ich lächle zurück. Da es noch recht kühl ist, habe ich mich vorher etwas abgetrocknet und eine Radweste übergezogen. Das passt, ich werde warm und fühle mich gut. Durch die späte Startzeit und die langsame Schwimmzeit (1:29h) liege ich weit hinten im Feld, habe aber auch viele vor mir zum Überholen. Noch während des Einrollens auf einem engen kurvigen Stück beäugt mich ein Kampfrichter misstrauisch vom Motorrad, weil ich nicht die 12m Mindestabstand einhalte. Ich nehme mich nochmal ein bisschen zurück, bis wir auf gerader Strecke sind und dann fange ich an zu überholen und schon durchfahre ich das erste Stimmungsnest an der Strecke, die Biermeile in Eckersmühlen. 11 offizielle Stimmungsnester führt der Veranstalter an der Radstrecke auf, das bekannteste ist der Solarer Berg. Aber auch außerhalb der Stimmungsnester in den ganz kleinen Dörfern oder einfach an der Straße stehen Zuschauer und feuern an. Nach einer Stunde überholt mich das Führungsfahrzeug und ein Konvoi von Autos und Motorrädern mit Frodo auf seiner zweiten Runde im Schlepptau. Am Kalvarienberg, der steilsten und längsten Erhebung erwarten mich Anne, Marta, Herbert und Bernd und machen mir Mut. Nach längeren Anstiegen und einer Abfahrt auf feuchter Straße – bei der Frodo einmal unfreiwillig vom Rad absteigen muss – kommt ein mindestens 10-15km langes Stück, auf dem ein unangenehmer Westwind von vorne weht. Nun nähere ich mich langsam Hilpoltstein mit vielen vielen Zuschauern am Kränsleinsberg. Nicht weit danach, bei 70km, wird der noch einmal getoppt durch den Solarer Berg – ein Wahnsinn, wie die Leute hier toben und den Radfahrern nur eine schmale Gasse lassen, die das Überholen fast unmöglich macht. Das lässt die Anstrengung vergessen und ich entledige mich meiner Weste, denn mittlerweile ist es warm. Bei 80km kommen wir nochmal nach Hilpoltstein und an Silvia vorbei. Nun geht es auf die zweite Runde und die Zwischenzeit mit ca. 2:46h ist schneller als erwartet. Also immer weiter so! Die zweite Runde macht lange Zeit noch mehr Spaß, als die erste, auch wenn die Berge weh tun. Besonders der Kalvarienberg, wo immer noch meine persönlichen Fans stehen und ein Mann mit der Aufschrift „Der Schmerz geht – der Stolz bleibt“ auf dem T-Shirt. Ich unterhalte mich kurz mit einem Engländer darüber, der gerade zu mir aufschließt, dann gebe ich wieder mehr Gas. In festen Abständen esse ich meine mitgebrachten Riegelhälften und an den Verpflegungsstationen, die alle ca. 15 km aufgebaut sind, nehme ich Wasserflaschen auf und esse ab und zu ein Stück Banane. Langsam werden die Beine schwerer, es ist aber kein Problem das Tempo zu halten, bis ich zum zweiten Mal Hilpoltstein und den Solarer Berg erreiche. Nun sind es noch ca. 15km und ich reduziere etwas die Kraft und das Tempo, um die Beine für den Marathon zu schonen. Mit einer für meine Verhältnisse hervorragenden Radzeit von 5:39h komme ich in der WZ 2 an. Ein Helfer nimmt mir sofort das Rad ab, ich schnappe mir den Laufbeutel und tippele mit dicken Beinen auf Radschuhen ins Zelt. Hier erfahre ich die gleiche gute Betreuung wie nach dem Schwimmen und die Helferin achtet genau darauf, dass alle Radsachen in meinem Laufbeutel landen. Ich bedanke mich und ab geht es auf die Laufstrecke.

Jetzt ist es 14:45 Uhr und die Sonne zeigt sich von ihrer besten Seite, was die bevorstehende Aufgabe nicht leichter macht. Die schweren Beine und eine gewisse Müdigkeit sind weitere Störfaktoren, die dazu führen, dass ich den angestrebten 5er Schnitt schon nach den ersten Kilometern verlangsamen muss. Nach den ersten Gels kommen auch noch Magenprobleme dazu. Trotzdem finde ich in einen Laufrhythmus, den ich irgendwie durchhalten können müsste. Zum Glück gibt es auch schattige Passagen am Kanal und die Verpflegungsstellen kommen in kurzen Abständen von etwa 2-3km. Ich hangele mich von Verpflegung zu Verpflegung, trinke viel Wasser und auch Cola gegen die Müdigkeit und schaffe tatsächlich die erste Hälfte in 1:50h. Dann halte ich aber die Magenschmerzen nicht mehr aus und muss zur Toilette. Danach ein paar Schritte gehen, versuchen durchzuatmen und wieder in den Laufrhythmus zu kommen. Daher sehe ich auch wieder ganz gut aus, als ich Silvia, Anne und Bernd das erste Mal an der Brücke bei 23km passiere. Aber es hält nicht lange, schon beim nächsten Treffen am Wendepunkt bei 28km tut der Bauch wieder weh. Im Dorf stehen Kinder auf der Straße und verteilen zwischen den Verpflegungsstellen Schwämme. Der Rest muss auch noch zu schaffen sein! Immer weiter ernähren und trinken, trinken trinken. Das Wasser, das ich nicht herunterschlucke, kommt über den Kopf. Zum Glück kommt ab ca. 31km eine längere schattige Passage am Kanal zurück. Bei 35km geht es vom Kanal weg, jetzt wieder in der Sonne, und ich hänge mich hinter einen anderen Läufer, der mich bis ins Ziel begleiten wird. Er verschwindet kurz hinter einer Brücke, die wir passieren, aber bei 39km muss ich auch nochmal schnell ins Gebüsch. Bald kommen wir ganz in der Nähe des Stadions vorbei, man würde am liebsten abbiegen, wird aber noch auf eine Schleife durch die Rother Innenstadt geschickt. 41Km, gleich hat das Leiden ein Ende. Silvia fotografiert mich in einer Kurve, mein Begleiter direkt hinter mir, kurz bevor wir zum Triathlongelände kommen. Einlauf ins Stadion, tosender Jubel, jetzt noch eine dreiviertel Runde laufen … Ich hebe die Arme und versuche zu lächeln, schaffe es zumindest innerlich. Einen Läufer überhole ich noch, dann bin ich über die Ziellinie, Laufzeit 3;48h. Was für eine Erleichterung! Ich habe gefinisht, kann aber kaum noch gerade gehen. Nachdem ich die Medaille bekommen habe, hole ich mir gleich ein Erdinger, Appetit habe ich keinen und begebe mich direkt zum Massagezelt. Dort finde ich schnell eine freie Liege und die junge Frau im 2. Lehrjahr, die mich massiert, ist genau so nett wie alle Helfer in Roth und fragt besorgt, ob es mir gut geht. Ja, ich brauche nur ein bisschen Ruhe, und tatsächlich, nach gut 20 Minuten im Liegen geht es mir bedeutend besser.

Nun kann ich auch etwas Essen, quatsche mit ein paar anderen, die genau so froh sind, gut gefinisht zu haben. Dann unter die Dusche, Treffen mit Silvia an der WZ 2, alles einpacken, ein Päuschen im Auto und wir beschließen noch zur Finish-Line Party zu gehen. Ein guter Entschluß, denn im Dunkeln, mit fetziger Musik und einer tollen Lightshow geht es hier richtig ab. Das Stadion ist zum Bersten voll bis wir gehen, weil die Zeit bis zum Feuerwerk für meine Verfassung dann doch zu lang werden würde.

Nun ist es noch Zeit auf die Frage zu antworten, ob die Schilderungen derjenigen übertrieben sind, die Roth für die außergewöhnlichste Langdistanz in Deutschland oder sogar weltweit – halten, getreu dem Motto des Veranstalters „We are Triathlon“. Einen Vergleich kann ich schlecht anstellen, sicher ist aber, dass das Engagement und die Freundlichkeit der Helfer ganz außergewöhnlich ist. Dazu kommt, dass die Bevölkerung im Landkreis Roth voll mitzieht und die Zuschauerbeteiligung absolut außergewöhnlich ist – hier springt der Funke wirklich über. Dazu kommt eine eingespielte und nahezu perfekte Organisation bis hin zur Finish-Line Party.

Vielen Dank an alle, vor allem auch an Silvia für ihre Geduld bei der Vorbereitung, an Ulrike Schwalbe für die Trainingspläne, an die Begleiter in Roth, Anne, Marta, Herbert und Bernd für ihre Unterstützung an der Strecke und an alle, die mir Mut gemacht haben, und daran geglaubt haben, dass ich durchkomme.

P.S.: Frodo hat’s natürlich geschafft, trotz eines Absteigers und eines Beinaheunfalls auf dem Rad, in 7:35:39h.

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 25. Juli 2016 um 21:24 und abgelegt unter 2016, Berichte. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

3 Kommentare über “Challenge Roth – „Der Schmerz geht, der Stolz bleibt“”

  1. Sandra Sachs schrieb:

    Was für ein toller Bericht. Da kriegt man ja richtig Gänsehaut und auch Lust mal so eine Langdistanz anzugehen.
    Ganz beeindruckend !!!
    Herzlichen Glückwunsch, Norbert, zu dieser tollen Leistung und ich hoffe auf noch viele solcher Berichte von Dir !!!

  2. Michael W. schrieb:

    Klasse, Norbert!!

  3. Stefan schrieb:

    Super Bericht von Dir Norbert … und wie immer hab ich Gänsehaut wenn ich von den Hotspots und vor allem dem Solarer höre oder lese! … und super, super Leistung, herzlichen Glückwunsch dazu!!!